Computer helfen heilen
Über den Wolken entwickelten Hannelore Kohl und Heinz Nixdorf die Idee
Nur durch finanzielle Hilfe des Kuratoriums für Unfallverletzte mit Schäden des zentralen Nervensystems ZNS war der Modellversuch zur computerunterstützten Therapie in Hessisch Oldendorf möglich
Hannelore Kohl: Die Idee zum Beginn des Modellversuchs "Computer helfen heilen" wurde während eines Gesprächs zwischen dem leider verstorbenen Heinz Nixdorf und mir geboren. Dieses Gespräch fand buchstäblich über den Wolken statt, nämlich in einem Flugzeug. Dort sprachen wir darüber, dass es möglich sein müsste, Computer bei der Heilung Hirnverletzter einzusetzen. Seitdem arbeitet die Firma Nixdorf zusammen mit der Neurologischen Klinik Hessisch Oldendorf an dem Modellversuch.
Quelle: ein-blick 3/88
Die Ziffernfolge 59361 erscheint auf dem Bildschirm, wird schon nach zwei Sekunden von der Kombination 41532 abgelöst. Jede Reihung muss sofort eingeprägt, jede neue Kombination gemerkt werden. Denn unvermittelt leuchtet auf dem Monitor die Frage auf: "War die Ziffer 3 in der letzten Kette? Falls ja, an welcher Position?" Das fordert Konzentration und Gedächtnis - zwei Fähigkeiten, die mit dem Therapieprogramm "Letzte Kette" zum Bereich Training der Stützfunktionen zählen, der auch Wahrnehmung und logisches Denken fördert.
Das Beispiel gibt nur einen Baustein der über 120 Einzelprogramme umfassenden Therapie-Lösung Nixas-Cure wieder, mit der Ärzte und Therapeuten der Neurologischen Klinik Hessisch Oldendorf, Niedersachsen, bei der stationären Rehabilitation schwerst schädel-hirnverletzter Menschen arbeiten. Die Spezialklinik wird vom Bund Deutscher Hirnbeschädigter getragen und liegt am Hang oberhalb des Wesertals in der Nähe von Hameln.
Dr. Wolfgang Gobiet skizziert die Therapieziele: "Es gilt, den vorherigen Stand auf geistigem und körperlichem Gebiet wiederherzustellen und die soziale und berufliche Wiedereingliederung zu erreichen." Der ärztliche Direktor der Klinik nimmt Patienten möglichst umgehend nach erfolgter Akutbehandlung auf und startet mit der von ihm und seiner Frau Renate, einer Diplompädagogin, maßgeblich geprägten intellektuellen Frühförderung, sobald die Patienten keiner intensiven medizinischen Behandlung mehr bedürfen.
Der Großteil von ihnen, rund 90 Prozent, wurde durch einen Verkehrsunfall so nachhaltig beeinträchtigt, dass ihr intellektuelles Leistungsvermögen auf den Stand eines Kindes zurückfiel. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 24 Jahren; mit 80 Prozent bilden Männer die Hauptgruppe bei den insgesamt 220 Patienten. Sie alle stehen vor der Aufgabe, fast vom ABC-Schützen-Niveau beginnend das erneut lernen zu müssen, was sie bereits früher erworben und beherrscht haben und durch den Unfall verschüttet wurde. In Hessischen Oldendorf werden auch Menschen mit neurologisch-neuro-chirurgischen Erkrankungen behandelt. Die computergestützte Therapie ist neben der körperlichen Rehabilitation in ein Netz aus Wiedereingliederungsbemühungen eingebettet, bei dem (Sonder-)Pädagogen, Krankengymnasten, Logopäden und Ergotherapeuten sowie Psychologen Hand in Hand vorgehen. Im Werkstattbereich gib t es die Werkangebote Holz, Metall und Elektro. Die Kombination der Einzelnassnahmen in jeweils 45- bis 60minütigen Blöcken sorgt bei den Patienten für einen voll ausgebuchten Tag.
Anfängliche Skepsis, der Technikeinsatz verdrängte die menschliche Zuwendung und Wärme und führe zu einem reinen Verhältnis von Mensch - Maschine, wurde durch die Praxis schon rasch wiederlegt. "Der Computer entlastet uns von Zeitraubenden und oft auch monotonen Übungen", erklären jetzt übereinstimmend die Betreuer, "so dass wir mehr Zeit für den einzelnen Patienten gewinnen."
Zudem bleibe niemand mit dem Computer allein und sich selbst überlassen. Einigkeit herrscht weiter darüber, dass der Computer nur ein Bestandteil der gesamten kognitiven Therapie ist und andere Komponenten nicht ersetzt.
Das bekräftigt auch Heinz Besgens: "Das alleinheilende Mittel kann und soll Nixas-Cure nicht sein. Wir sehen es in erster Linie als unseren Beitrag an, positiv und wirkungsvoll die Behandlungsmethoden von Schädel-Hirnverletzungen zu ergänzen.
Wie jeder Patient trägt auch Dirk K. das obligatorische Kärtchen um den Hals, auf dem ähnlich wie beim Schul-Stundenplan sein Therapieplan für eine gesamte Woche vermerkt ist. Der 16jährige wurde als Fußgänger von einem Pkw angefahren. Bewusstlos kam er per Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus. Dort diagnostizierten die Ärzte eine Hirnblutung, operierten sofort. Es folgten sechs Wochen Intensivstation mit zahlreichen gefährlichen Komplikationen; drei Wochen wurde Dirk künstlich beatmet, bis sich nach sechs weiteren Wochen endlich langsam eine Bewusstseinshellung einstellte. Sobald er auf äußere Reize leicht reagierte, wurde er zur Nachbehandlung nach Hessisch Oldendorf verlegt, wo bald die Grundstufentherapie in der intellektuellen Frühförderung begann. Bei dieser Basisarbeit in Kleingruppen zu drei oder vier Patienten liegt das Haupteinsatzgebiet von Nixas-Cure.
Aufgegliedert ist die Therapie-Lösung in die Bereiche, Mathematik, Deutsch, Allgemeinwissen, die eingangs erwähnten Stützfunktionen und einen Verwaltungsteil. "Anfangs haben wir fast ausschließlich Materialien und Medien aus dem Elementar- und Primärbereich benutzt und für die Computeranwendung übertragen", erinnert sich Jürgen Schaper. Der Realschullehrer ist in der Klinik als EDV-Fachkraft und Therapeut tätig. "Dementsprechend kindgerecht war die didaktische Aufbereitung. Sie entsprach damit nicht den Bedürfnissen unserer älteren Patienten, die vor ihrem Unfall eben keine Erstklässler waren, sondern an das Leben eines Erwachsenen gewöhnt waren." Folglich wurde die Trainingspalette umgehend durch angepasste und vollkommen selbsterarbeitete Software bereichert sowie durch neue schulische und berufliche Inhalte auf die Klinische Pädagogik ausgedehnt.
Durchgängig müssen alle Einzelprogramme folgende Lernstrukturen aufweisen: Überprüfung
und Auffrischung des Altwissens, Vermittlung neuer Inhalte und Training der Stützfunktionen. "Von hoher Bedeutung", fügt Schaper hinzu, sind die Neben-Effekte, die die Behandlung am Computer auslöst." Gerade junge Patienten zeigten eine hohe Technikakzeptanz. "Die Beschäftigung mit Gerät und Lernprogramm macht den häufig antriebsschwachen Patienten Spaß, hebt ihr Selbstwertgefühl und wirkt sich ungemein günstig auf die Motivation aus."
Das gilt auch für Dirk. Er hat in beiden Armen eine erhebliche motorische Störung, ist jedoch geistig fähig, am Computer recht komplizierte Anforderungen zu bewältigen, Rechenaufgaben zu lösen, Worte zu schreiben oder zu ergänzen sowie logische Denkaufgaben zu meistern.
Bei herkömmlichen Methoden mit Papier und Bleistift könnte er die jeweilige Antwort nur unter großen Anstrengungen und unter immensem Zeitaufwand notieren. Da bedeuten variable Schriftgrößen für visuell eingeschränkte Menschen und die Spezialtastaturen eine enorme Hilfe und schaffen in der Therapie einen kostbaren Zeitgewinn, weil das geistige Training schon intensiviert werden kann, wenn der Patient körperlich noch nicht vollkommen gesund ist. [..]
Doch zurück zu Dirk K., der rasch gute Fortschritte gemacht hat, wieder selbständig essen und sich im Klinikbereich alleine fortbewegen konnte: Nach neuen Behandlungs-Monaten zeigt der Befund nur noch leichte Beeinträchtigungen von Konzentration und Neugedächtnis. Seine geistige und körperliche Belastbarkeit sind spürbar gestiegen. Linker Arm und linkes Bein sind noch geringfügig gelähmt. Für Dirk kommt der Entlassungstag. Er kehr in seinen ursprünglichen Beruf als Funk- und Fernsehmechaniker zurück und nimmt nach zunächst vier Stunden pro Tag ein Vierteljahr später die Arbeit voll auf.
Ungewöhnlich oder spektakulär ist der "Fall" Dirk K. übrigens nicht: 90 Prozent der Kranken werden in der Spezialklinik, die mit der Computerunterstützung erfolgreich neue Wege in der Rehabilitation eingeschlagen hat, soweit geheilt, dass sie nach ein bis zwei Jahren ihr Leben selbst wieder in die Hand nehmen können. 60 bis 70 Prozent steigen wieder ins Berufsleben ein.
Quelle: Mitarbeiter Information NIXDORF COMPUTER 10-11/88