Die Neurologische Klinik Hessisch Oldendorf 1957-1983

von Dr. Wolfgang Gobiet und Werner Scheffler

Am 18. Mai 1957 wurde das damalige Sanatorium "Haus Niedersachsen" eröffnet. Es entstand aufgrund der Initiative von Fritz Bergmann, der, selbst Hirnbeschädigter, eine Erholungsstätte für Kopf- und Rückmarksverletzte der Weltkriege schaffen wollte. Dazu wurde die alte Oldendorfer Jugendherberge, erbaut im Jahr 1919, die von 1945 bis 1957 als Außenstelle des Kreiskrankenhauses gedient hatte, mit dem Gelände des Oldendorfer Sportplatzes und einer ehemaligen Fliegerbaracke erworben. Der Kaufpreis von 80.000 DM wurde von der Stadt Hessisch Oldendorf gestundet und später ratenweise entrichtet. Umfangreiche Umbauarbeiten nahmen Fritz Bergmann, Dr. Günter Schuchardt und weitere sechs Mitarbeiter größtenteils in Eigenhilfe vor. Schließlich konnten 25 kriegsversehrte Erholungsgäste aufgenommen werden. Die erfolgreiche Behandlung und die Zufriedenheit der Erholungssuchenden trugen dazu bei, dass sich das Haus Niedersachsen bei Medizinern und Versorgungsbehörden einen guten Ruf erwarb und sich einer ständig zunehmenden Nachfrage erfreute.

In den folgenden Jahren wurde aus diesem Grund Erweiterungen und Neubauten vorgenommen. Es entstanden: Dem ursprünglichen Erholungsheim und Sanatorium wurde später ein Krankenhaus angegliedert, in dem nun auch Hirnbeschädigte nach Unfallverletzungen und nach Kopfoperationen behandelt werden. In den 25 Jahren ihres Bestehens hat die Neurologische Klinik über 30.000 Patienten medizinisch und gesellschaftliche rehabilitiert oder durch Wiederholungsanwendungen gesundheitlich stabilisiert. Zur Zeit stehen im Krankenhaus- und Kurbereich insgesamt 190 Betten zur Verfügung. Jährlich werden rd. 1.600 Patienten und Kurteilnehmen aufgenommen, die aus allen Bundesländern kommen. Um sie bemühen sich 160 Mitarbeiter.



Die Neurologische Klinik hat die Aufgabe, die medizinische Rehabilitation bei Folgezuständen bei neurologisch-neurochirurgischen Erkrankungen und nach Schädel-Hirn-Verletzungen durchzuführen. Daneben werden im Kurbereich Kurmaßnahmen für Hirnbeschädigte verabfolgt. Es sind alle modernen diagnostischen Einrichtungen vorhanden und umfangreiche medizinische und therapeutische Behandlungsmöglichkeiten gegeben, zu denen Krankengymnastik, Funktions- und Hirnleistungstraining, Ergotherapie, Berufs- und Schultherapie, klinisch-psychologischer Dienst, Sprachtherapie, Sozialdienst und physikalische Therapie gehören. Als freigemeinnützige Klinik des Bundes Deutscher Hirnbeschädigter wird die Klinik von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen, den Berufsgenossenschaften und Versorgungsämtern in Anspruch genommen.

Nachdem der Gründer der Klinik, Fritz Bergmann, 1980 in den Ruhestand getreten ist, wird heute die Leitung der Klinik von Werner Scheffler als Verwaltungsleiter, Dr. Günter Schuchardt als ärztlichem Direktor und Dr. Wolfgang Gobiet als Leiter des Rehabilitationsbereiches wahrgenommen.

Die Neurologische Klinik hat in den vergangenen Jahren ihren Krankenhausbereich wesentlich ausgebaut, der zur Zeit mehr als die Hälfte der vorhandenen 190 Betten umfasst. Unter Leitung von Dr. Wolfgang Gobiet, Facharzt für Neurologie und Neurochirurgie, werden hier überwiegend schädel-hirnverletzte Patienten betreut. Es handelt sich um Patienten, die durch Unfälle schwere Hirnverletzungen und gleichzeitig oft auch Brüche der Arme und Beine erlitten haben. Ziel ist die frühzeitige Übernahme dieser Patienten aus den neurochirurgischen und unfallchirurgischen Kliniken, um die Behandlung ohne Zeitverzug eintreten zu lassen. Der Altersstruktur nach sind es im wesentlichen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, die Altersgruppe von acht bis dreißig Jahren, die hier betreut werden. An wesentlichen Ausfällen bestehen bei den Patienten Einschränkung oder Bewusstseinslage bis zur Bewußtlosigkeit, fehlende Orientierung, maximale Einschränkung von Konzentration und Antrieb, Sprachstörungen mit Ausfall des Sprachverständnisses und Sprachvermögens, Lähmungen der Arme und Beine sowie normalerweise die Unfähigkeit, selbständig Nahrung aufzunehmen, sich selbst an- und auszuziehen und fehlende Urin- und Stuhlkontrolle. Um die frühzeitige Übernahme der Patienten zu gewährleisten, ist der Klinik eine Überwachungsstation angegliedert, die es ermöglicht, auch schwerkranke Patienten zu betreuen In Krisenfällen ist man jedoch auch auf die Intensivstationen der benachbarten Krankenhäusern in Rinteln und Hameln angewiesen.

Ziel der Behandlung ist, die genannten Ausfälle zu beheben, um eine Wiedereingliederung in die Familie, in den Freundeskreis und nicht zuletzt in den Beruf zu erreichen. Den Erfordernissen der Patienten entsprechend sind eine ganze Reihe von Berufsgruppen in der Klinik tätig. Man muss sich vorstellen, dass viele Patienten in der Frühphase die Kleinkindesentwicklung noch einmal in verkürzter Form durchlaufen.

Neben den normalen pflegerischen Aufgaben sind es vor allem die Dinge des täglichen Lebens, in immer wieder trainiert werden müssen. Daneben muss aber auch Zeit für das persönliche Gespräch über die Sorgen und Nöte der Patienten sein. Im eigentlichen therapeutischen Bereich sind es die Funktionstherapie und das Hirnleistungstraining, um in der Frühphase nach der Verletzung die wenigen vorhandenen Reaktionen des Patienten wieder aufzugreifen und weiterzuführen, um die gestörten Funktionen neu zu bahnen. Es schließt sich die Heilpädagogik an, die unter Ausnutzung behindertenpädagogischer Erkenntnisse Ausfälle auf geistigem Gebiet zu beheben versucht. Die Ergotherapie hat neben dem Selbsthilfetraining im Alltag und Küchentraining die Aufgabe, gestörte motorische Abläufe und Koordinationsstörungen der Muskulatur neu zu bahnen, um spätere vorberufliche Maßnahmen zu ermöglichen. Parallel dazu wird bei körperlichen Ausfällen von der Einlieferung an bis zur Entlassung Krankengymnastik durchgeführt, um mit modernen Behandlungsmöglichkeiten dem Patienten den Gebrauch seiner Gliedmaßen und die Gehfähigkeit wiederzugeben. Oberstes Ziel ist dabei, dass der Patient so schnell wie möglich wieder vom Rollstuhl wegkommt und ohne Gehhilfen wieder selbständig wird. Sprachtherapie ist notwendig, um die Ausfälle des Sprachverständnisses und der Sprachwiedergabe zu verbessern.

Nachdem in den geistigen und körperlichen Ausfällen eine deutliche Besserung erreich ist, schließt sich Berufs- und Schultherapie an. Durch die Einrichtung einer Werkstatt wurde die Durchführung vorberufliche Schulung ermöglicht. Das bedeutet, dass in der Klinik keine spezifische Berufsausbildung durchgeführt wird. Man schult allgemein die handwerkliche Geschicklichkeit und die körperliche Belastbarkeit. Wichtig ist auch der klinisch-psychologische Dienst. Durch spezielle testpsychologische Untersuchungen kann die Fähigkeit des Patienten festgestellt werden, um dann in Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber oder dem Arbeitsamt den weiteren beruflichen Weg festzulegen. Der Sozialdienst fördert Kontakte mit den Angehörigen, wird in Rentenangelegenheiten tätig und muss Verlegungen in Pflegeheime vornehmen, wenn trotz aller Bemühungen keine Besserung im Zustand eines Patienten erreicht werden konnte. Außerdem verfügt die Klinik über eine gut ausgebaute physikalische Abteilung und über ein gut ausgestattetes Labor sowie über die Einrichtungen, um die Ableitungen von Hirn- und Muskelfunktionsströmen, Gefäßdurchblutung sowie Elektrokardiogramme in Ruhe durchzuführen. Bei den vielen Spezialdisziplinen spielt die Koordination eine große Rolle, um die Behandlung so optimal wie möglich durchzuführen. Bei schwer Unfallverletzten, das sind Patienten, die über drei Wochen bewusstlos sind, dauert die Gesamttherapie zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Besonders muss dabei betont werden, dass durch die Bereitschaft der Trägers die Maßnahmen erst ermöglicht werden. Es gibt eigentlich nur zwei Kliniken im Bundesgebiet, die Patienten in der frühen Phase aufnehmen und dann durchgehend bis zu Eingliederung in den Beruf behandeln.

Als weiteres Ziel sieht man in der Klinik den Aufbau der beruflichen Therapie an. Man wird in der weiteren Ausbauphase bemüht sein, verschiedene Berufsbilder anzubieten, um dadurch den Patienten den Schritt ins tägliche Leben zu erleichtern. Frage ist natürlich, ob der Aufwand für den Patienten wirklich den erhofften Erfolg bringt. Früher ging man davon aus, dass von hundert schwerverletzten Patienten ohne entsprechende Therapie achtzignicht wieder familiär, geschweige denn beruflich eingegliedert werden konnten. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. Man rechnet damit, dass mindestens achtzig von hundert Patienten familiär und davon wieder ein Großteil auch beruflich eingliederbar sind. Diese Zahlen sind ein Ansporn, auf dem beschrittenen Weg weiterzugehen.
Quelle: 750 Jahre Hessisch Oldendorf