In der Klinik gehört auch Mathe zur Therapie
Patienten fangen von null an
Welche Rolle Pädagogen bei der Rehabilitation spielen
Hessisch Oldendorf (ll). Es klingt schon etwas ungewöhnlich: Was macht ein studierter Pädagoge in einer neurologischen Klinik? "Viele unserer Patienten müssen von null aus neu anfangen", sagt Volker Kahle. Er ist Lehrer an der Hessisch Oldendorfer BDH-Klinik und Leiter der Abteilung Neuropädagogik. Seine Fächer: Mathematik und Deutsch.
Kahle, der Anfang der 80er Jahre ein Studium für das Grund- und Hauptschullehramt abgeschlossen hat, berichtet, dass Patienten nach einer Schädel-Hirn-Verletzung oftmals auf dem kognitiven Stand eines Kindes seien. "Für Neuropädagogen gilt es dann, das Altwissen zu reaktivieren", sagt der Klinik-Lehrer. Zunächst stünde im Rehabilitationsprozess die Vermittlung von Basiswissen an, so Kahle. Grundrechenarten werden geschult, dazu einfache Schreib- und Leseübungen. Viele der hirnverletzten Patienten übernehmen die Hessisch Oldendorfer Neuropädagogen, zu denen neben Kahle noch vier weitere ausgebildete Lehrer der unterschiedlichsten Fächerkombinationen und eine Industriekauffrau gehören, "auf dem Stand der vierten Klasse". "Wir müssen die Hirnfunktionen wieder in Gang bringen, dazu gehören auch Konzentrations- und Gedächtnistraining", sagt Kahle.
Im Gegensatz zum Schulunterricht werde in der Klinik aber in Kleingruppen gelernt. "Maximal sechs Personen werden zeitgleich unterrichtet", sagt Kahle. Manche bekommen auch Einzelstunden." Im Rahmen der Berufsförderung arbeitet das Hessisch Oldendorfer Pädagogenteam an der Wiedereingliederung von Patienten - durch kaufmännisches Training oder auch Lernen mit Computerunterstützung. Technische Fachbücher für Dachdecker oder Kfz-Mechatroniker sind deshalb auf Kahles Schreibtisch keine Seltenheit.
Als die Klinik in den 80er Jahren den Arbeitsbereich Neuropädagogik aufbaute, hatte man Pionier-Stellung, wie Volker Kahle berichtet. "Wir haben unsere Materialien selbst erarbeitet", sagt der Pädagoge. "Das, was es auf dem Markt gab und immer noch gibt, ist oft nicht sehr hilfreich." Und das betreffe auch die individuelle Abstimmung der Lerninhalte auf jeden einzelnen Patienten.
DEWEZET 30.05.2011
DEWEZET 2010