Absturz Jahrestag
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Explosionen im Nebel – was im Süntel geschah

Vor 50 Jahren zerschellten zwei Düsenjäger / Luftfahrtarchäologe findet Absturzursache heraus

Von Ulrich Behmann

Bad Münder. Am Morgen des 16. Oktober 1962 will sich der Nebel nicht lichten. Die Temperaturen schwanken an diesem Herbsttag zwischen 7,5 und 12,7 Grad. Im Weserbergland nieselt es zeitweise. Die Sonne lässt sich nur 12 Minuten lang blicken. Ralf Schulte aus Pötzen, damals sechs Jahre alt, besucht an diesem trüben Dienstag seinen Onkel in Welliehausen. Das schlechte Wetter ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben: „Es war ein Tag, an dem man besser im Haus bleibt.“

Christel W. aus Höfingen-Texas macht die hohe Luftfeuchtigkeit nichts aus. Sie arbeitet gerade in ihrem Garten, als sie zwei Flugzeuge hört. „Sie waren sehr laut, aber mit einem Mal war alles ruhig. Da habe ich noch gedacht: Jetzt sind sie gegen den Berg gekracht“, erinnert sich die 80-Jährige. Was Christel W. geahnt hat, ist kurz darauf traurige Gewissheit: Zwei je 12,7 Tonnen schwere Düsenjäger vom Typ „F84-F Thunderstreak“ haben sich um kurz nach elf Uhr nach Angaben des damaligen Forstaufsehers Klose im Abstand von nur zehn Sekunden in die Hohe Egge gebohrt. Die Flugzeuge der belgischen Luftwaffe mit den internen Nummern FU 98 und FU 101 waren fast 600 km/h schnell – sie explodieren im Wald, etwa 800 Meter vom Süntelturm entfernt. Die Piloten Leutnant Jan Joseph Loyens, geboren in Vlijtingen, und 1. Sergeant Alois Anna Baldwin Vertongen, geboren in Moerzeke, kommen ums Leben. Beide waren noch sehr jung. Vertongen ist 13 Tage vor dem Unglück 21 geworden, sein Kamerad Loyens stirbt mit 28. Die Soldaten dienen in derselben Einheit (23. SQN 10 WING). Die Trümmer der Düsenjäger liegen auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern verstreut.

Die Dewezet berichtet am nächsten Tag, die Luftwaffen-Soldaten hätten sich an einer Heeresübung beteiligt und seien auf dem Rückflug zu ihrem Standort Kleine Brogel in Belgien gewesen. Stimmt das?

Der ehrenamtliche Luftfahrtarchäologe Dirk Hartmann aus Hülsede (Kreis Schaumburg) und der historisch interessierte Mathematiker Jürgen Schaper aus Hessisch Oldendorf haben unabhängig voneinander akribisch recherchiert, mit Ohrenzeugen sowie mit ehemaligen Kollegen und Angehörigen der Verunglückten gesprochen. Hartmann, der als Beauftragter für die Luftaufsicht des Landes Niedersachsen am Flughafen Hannover-Langenhagen arbeitet, fand heraus: Die Maschinen waren nicht auf dem Weg zu ihrem Heimatstandort. Sie sind vielmehr um kurz nach 10 Uhr in Kleine Brogel gestartet und waren Richtung Hildesheim unterwegs, um dort an dem Manöver „Autumn Double“ teilzunehmen. Sie sollten südlich an Paderborn vorbeifliegen und einen Scheinangriff auf eine Leine-Brücke bei Elze durchführen. Über Hamm hat sich Pilot Loyens jedoch entschieden, die geplante Route zu verlassen und nach Norden auszuweichen – vermutlich wegen der schlechten Sicht. Hartmann hat anhand von alten militärischen Unterlagen die Unglücksursache ermitteln können. „Die Piloten haben damals von ihrem Heimatstützpunkt falsche Wetterinformationen bekommen. Einer der Meteorologen hatte die vertikale mit der horizontalen Sichtweite verwechselt. Das war ein verhängnisvoller Fehler.“ Die Flughöhe könnte 400 Meter betragen haben – diese sei damals üblich gewesen, heißt es. Die Hohe Egge ist mit 440 Metern der höchste Punkt des Süntels.

Zeugen berichten der Dewezet, was sie gesehen und gehört haben. Am 17. Oktober 1962 heißt es: „Drei Waldarbeiter und ein Forstaufseher, die ungefähr 200 Meter von der Unfallstelle entfernt waren, hörten nach lautem Motorenlärm nur plötzlich den Knall eines Aufschlages in dem stillen Wald. Im Nebel, der fast den ganzen Tag über Bäume und Felsen des Süntel-Gipfels in einen dichten grauen Schleier hüllte, sahen sie nur, wie dicke Bäume in Sekundenschnelle weggefegt wurden. Nach einem zweiten ohrenbetäubenden Krachen warfen sie sich entsetzt hinter Felsen. Ein Wanderer, der sich etwa hundert Meter von dem Absturzort entfernt aufhielt, wurde mit Erde und Tannennadeln überschüttet und erlitt einen Nervenschock.“

Feuerwehrleute aus Bad Münder fahren zur Unglücksstelle – sie müssen zunächst machtlos zusehen, wie immer mehr Munition explodiert. Nach einer Stunde ist das Feuer aber gelöscht. Den Helfern bietet sich ein Bild des Grauens. Ein Oberstabsarzt der britischen Armee sagt damals: „Wer beim Einsatz an der Unfallstelle war, brauchte Nerven wie Stahlseile.“

Erst 39 Jahre nach dem Unglück wird im Süntel ein Denkmal zur Erinnerung an die beiden Piloten aufgestellt. Es steht auf halber Höhe am Steinweg zwischen dem Falltal und dem Süntelturm – unmittelbar neben der Absturzstelle. Der Luftfahrtarchäologe Dirk Hartmann hat es errichtet.