Eine Diplomarbeit
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Auszug aus einer Diplomarbeit

Versuch einer Bewertung des visuellen Erlebnispotentials naturnaher Landschaftsräume aus physisch-geographischer Sicht - dargestellt an regionalen Beispielen

von Wolfgang Wasser (Universität Hannover, Winter 1986)

Das Naturschutzgebiet Hohenstein

Das Naturschutzgebiet Hohenstein ist eines der meistbesuchten Wanderziele im Weserbergland. Diese bestausgeprägte Schichtstufe in Niedersachsen wurde früher als Teil des Wesergebirges aufgefaßt, heute dagegen als Teil des Süntels, der vom Schichtkamm des Wesergebirges durch den Paß von Rohden getrennt wird. Früher galt nur dessen östlichster Teil, die 440 m hohe Wealden-Schichtstufe der 'Hohen Egge' als Süntel. Dieser Stellung zwischen zweien als markantere Einheiten wahrgenommenen Landschafts-'Figuren' bleibt, bedingt durch den Stufenchareakter, auch in Nord-Süd-Richtung erhalten: von der schwach geneigten Hochfläche des Dachtelfeldes kommend (deren bewaldeter Teil bereits zum Süntel gehört) treten schlagartig steile, bewaldete Engtäler ins Blickfeld, zwischen denen die Hochfläche in zungenförmigen Ausläufern endet.

Vom Wesertal her gesehen, binden markante Berge mit Felsen die Aufmerksamkeit, zwischen denen sich die von der anderen Seite so auffälligen Täler nur irgendwo zu verlaufen scheinen. Dies ist eine der Eigenheiten, die das Landschaftserleben auch innerhalb des Gebietes bestimmt. Der Unterschied zu den beiden anderen Beispielgebieten liegt aber nicht nur in der Ambivalenz des Figur-Grund-Kontrastes, sondern vor allem in den Eigenschaften, die psychomotorisch wirksamen Erholungsformen in Zusammenhang mit Bewegungsdrang, Abenteuerlust oder Explorationsverhalten entgegenkommen und auch die Neugier herausfordern. Vor allem die Oberflächenformen und ihre punkthaft und verstreut auftretenden Besonderheiten sind mit diesen Eigenschaften verknüpft, weshalb sie im folgenden wesentlich ausführlicher als die Vegetation und das Wegenetz beschrieben werden. ...


Die Oberflächenformen

Die meisten Höhenzüge des nördlichen Weser- und Leineberglandes wurden durch selektive Erosion halokinetisch verstellter unterschiedlich widerstandsfähiger meist triassischer bis kreidezeitlicher Sedimentgesteine des 'Niedersächsischen Beckens' herauspräpariert. Dabei handelt es sich in der Regel um Schichtkämme (Einfallswinkel größer 12 Grad). Nur an wenigen Stellen bilden flach lagernde Schichten deutliche Stufenränder (nördlicher Osterwald, Siebenberge, südlicher Deister, Vogler). Die in vielen Einzelheiten typischste Ausprägung weist der Süntel im Hohensteingebiet auf.

Vom Wesertal her steigt der stark zerlappte Stufenrand (zwischen Ramsnacken und Borberg beträgt das Luftlinie-Stufenrand-Verhältnis 1:4,5) in zwei Stufen auf, der Cornbrash-Stufe mit Mittelberg, Wenchenberg und Westerberg (Kalksandsteine) und der Korallenoolith-Stufe.

Letztere bildet die bekannten Klippen der Krähen- und Schrabsteine über dem Schneegrund im Westen, der Moosköpfe und von 'Münchhausener Pferdeställen' über dem Blutbachtal, den 60 m hohen Klippen des Hohensteins und schließlich die Klippen des Borbergs. Dazu gehören auch der Amelungsberg, der bereits zum Ausliegerberg wurde. An den Korallenoolith sind auch die wichtigsten Karsterscheinungen geknüpft: im Riesenberg wurde gegen Ende der siebziger Jahre in einem Steinbruch die größte Höhle Niedersachsens freigelegt. Eine kleine, frei zugängliche Höhle am Westrand des Riesenberges ist ihrer Tropfsteingebilde inzwischen beraubt worden. Ebenfalls auf dem Riesenberg/Ramsnacken befinden sich eine größere Zahl bis 5 m tiefer Dolinen. Die Bank des Humeralisooliths ließ auch die beiden Längenfelder Wasserfälle entstehen, die in den obersten Schneegrund, den sog. 'Höllengrund' hinabstürzen. Derjenige unterhalb der Höllenmühle hat eine Höhe von mehr als 15 m. Es sind neben dem Lonauwasserfall in Herzberg die einzigen größeren natürlichen Wasserfälle Niedersachsens (allerdings mit geringer Wassermenge). Für Kalkgebiete typisch sind auch die starke Schichtquelle des Iborn bei Rohdental, Kalktuffwülste an Quellen (bes. am Borberg) und auf Talsohlen (unterstes Blutbachtal).

Dies sind bereits die wesentlichen reliefbedingten Anziehungpunkte für Wanderer. Es ist aber noch eine Eigenheit zu erwähnen, die das Hohensteingebiet den meisten Bergen des Weser- und Leineberglande vom Landschaftserlebnis her voraus hat: Bedingt durch die Ost-West-Richtung herumliegenden Häufungen der Klüftungseinrichtungen verlaufen alle großen Täler zunächst nach Westen, um dann nach Süden oder sogar nach Osten umzubiegen. Dadurch entsteht das Gefühl, im Inneren eines Gebirges zu sein ohne Blickachsen durch Täler oder Lichtungen auf das Umland. Dieses System senkrechter Klüfte ist also entscheidend für die Richtungselemente des Reliefs und damit die Orientierungslinien. Die wichtigste Richtung ist WNW-ESE, alos etwa 100 Grad. Sie entspricht der Gesamtrichtung des Stufenrandes und wichtiger Talabschnitte. Danach folgt die Richtung von etwa 55 Grad (SW-NE), die die ins Gebirge hineinführenden Talabschnitte charakterisiert. Diese und weitere Hauptrichtungen der morphologischen Lineamente entsprechen nicht ganz den Richtungshäufigkeiten der Klüfte, vermutlich spiegeln die Talverläufe die ältesten Richtungen wider. Es liegen also einige wenige Hauptrichtungen vor, so daß bis auf das Blutachtal mit seinen vielen geringen Richtungswechseln die Winkelorientierung (Richtungsgedächtnis) nicht überfordert wird.

Interessanter für das weniger bewußte Landschaftserlebnis aus Verhaltensbedürfnissen heraus ist die Gestaltung der Hänge, und zwar besonders der Korallenoolith-Stufe. Die oberen Hangpartien werden in der Regel von Klippen gebildet, die nur selten mehr als 5-10 m hoch sind.

Da die darunterliegenden weichen Heersumer Schichten leicht denudiert werden, und den darüberliegenden Korallenoolith-Bänken somit der Boden entzogen wird, stürzen diese nach und nach in größeren Verbänden ab oder sacken in großen Rutschungen zutal.

Der Blutbach wurde südlich des Hohensteins von Felssturzmassen einst gestaut, hat aber den Riegel in einer kleinen Schlucht durchbrochen. Nördlich des Hohensteins wurde er 1932 von einer Rutschmasse ebenfalls zu einem kleinen See aufgestaut, der noch vorhanden ist.

Besonders die Felssturzmassen bilden ein oft sehr vielfältiges, interessantes und zum Kraxeln einladendes Kleinrelief. Ähnliche Reize üben die 1-15 m breiten und z.T. 40 m tiefen Zerrspalten des Hohensteins und des Amelungsberges aus. Das Zerrspaltensystem des Hohensteins ist nach KAISER für ganz Nordwestdeutschland einmalig. Die untersten, flachen Hangpartien und die Talsohlen bestehen nach der geologischen Karte aus drenthezeitlichen Schottern, Schuttströmen und einer Kamesbildung in mittelmoränentypischer Lage an der Hünenburg am Westrand des Gebietes. Darüberhinaus wird durch weichselzeitliche Solifluktion der weicheren Schichten zum Auffüllen der Talsohle mit feinkörnigem Material beigetragen haben. Darin schneiden sich die Bäche in kleinen gebundenen Mäandern ca. 5m tiefe Kerben ein. Die ebenen Teile der Talsohle sind durch Kalktuffe, durch Aufsedimentierung infolge von Stauwirkungen oder durch Seitenerosion entstanden.

Die Vegetation

Die für das Landschaftserleben wichtigsten Kennzeichen der Vegetation sind das starke Überwiegen von reinem Laubwald, meist Buchenhochwald mit geringem Unterwuchs, das Vorherrschen von Kahlschlagwirtschaft und die stark an politische Grenzen gebundenen Waldränder. Vereinzelte Fichtenanpflanzungen wirken (trotz Standortfremdheit) bereichernd, besonders, wenn es sich um kleine Areale handelt. In diesem Zusammenhang sind Befragungsergebnisse aus Frankfurt, den Taunus (vorherrschend Laubwald) betreffend, von Interesse: 56,4% der Befragten hatten keine eindeutige Bevorzugung, Mischwald bevorzugten 24,0%, Nadelwald 14,2% und Laubwald nur 5,4% (Befragung auf Fotos basierend). Gerade bei Buchenhochwald ist die Hallenwirkung mit geringerer Geborgenheit hervorzuheben. Die größten - einförmigen - Nadelholzbestände bedecken den Amelungsberg-Nordhang. Hervorzuheben sind aber einige kleine Waldareale mit angenehm wirkendem Bestandsaufbau, so südlich des Borberges, unterhalb der Hohenstein Südwände, im oberen Blutbachtal und auf der 'Südwehe'. Die Talsohlen sind an den flacheren Abschnitten von Wiesen eingenommen.

Spezielle Wanderziele stellen vereinzelte Exemplare der Süntelbuche dar, einer früher bestandsbildenden endemischen Buchenmutante mit bizarren, korkenzieherartigen Ästen. Das botanisch für Niedersachsen einzigartige Rückzugsgebiet von sowohl kälte-, als auch wärmebildenden Pflanzen an den Hohensteinfelsen ist als Kernzone des Naturschutzgebietes gegen Zutritt gesichert und daher für die außerwissenschaftliche Naturbeobachtung uninteressant.


Das Wegenetz

Wie auch die Waldgrenzen ist das Forstwegenetz vor allem von den Grenzen der Gemeinde- und Reviergrenzen her bestimmt. Abseits der für Wanderer angelegten Wege- und Steinanlagen in Höllengrund und am Hohenstein ist ein zielbezogenes Wandern über die meist kleineren auf den Wanderwegtafeln an den Parkplätzen verzeichneten Rundwnderwege hinaus kaum möglich, da nur wenige Vernetzungspunkte zwischen den Schleifen der Holzabfuhrwege existieren. Im über 4km langen Blutbachtal oberhalb der 'Baxmannbaude' kann nur an einer Stelle die Talseite gewechslt werden. Außerdem sind die Hänge fast nur mit schleifenförmigen Wegen erschlossen, die zunächst den Anschein erwecken, aus dem Tal hinauszuführen, dann aber wieder auf den Talweg treffen. Die Hochfläche ist von einem in der Regel über große Strecken geradlinigen Wegenetz überzogen, was sie gerade im ohnehin weit überschaubaren Buchenhochwald eintönig macht. Den oberen Talrändern folgen meistens in einigen Metern Abstand (hier nicht asphaltierte) Forstwege, von denen gelegentliche Ausblicke möglich sind. Eigenartigerweise sind auch Höhepunkte wie die Wasserfälle nur über Trampelpfade zu erreichen.