Eine Klassenfahrt 1948
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Eine Klassenfahrt 1948


1948. Nachkriegszeit. Das Leben war geprägt von knappen Lebensmitteln, Wohnungsnot, Hamstern, Schwarzmarkt und Kohlenklau. Keine rosigen Zeiten also. Ich war 13 Jahre alt. Im April hatte ich den Übergang in die Klasse M 7 der „Volksschule mit Aufbauzug (Oberbau)“ in der Lutterothstraße 78 in Hamburg geschafft. Trotz der für alle unsicheren und schwierigen Lebensumstände besprach unser Klassenlehrer, Herr Diederich, mit unseren Eltern schon nach kurzer Zeit die Möglichkeit einer Klassenreise. Das Für und Wider wurde eingehend erörtert, insbesondere auch die finanzielle Regelung, die für manche Eltern sehr schwierig war. Mit Zuschüssen der Schulbehörde konnte geholfen werden. Und so kam es, dass wir schon 2 Monate nach Beginn unserer Schulzeit in der Mittelschule eine Klassenreise unternahmen. Das Besondere an dieser Klassenreise: Wir waren nach dem Krieg eine der ersten zwei oder drei Klassen in Hamburg, die eine Reise über Hamburgs Grenzen hinweg unternahmen. Die Reise führte uns auf die Jahnhütte im Süntel.



Die wohl schwierigste Aufgabe bei der Vorbereitung der Klassenreise war es, unsere Verpflegung für 14 Tage sicherzustellen. Natürlich mussten wir unsere Lebensmittelkarten abgeben. Aber das allein reichte nicht für eine ausreichende Ernährung. Noch heute ist unser Lehrer zu bewundern, der über Militärregierung und Behörden jede Menge „Kaltverpflegung“ herbeischaffte. In den Tagen vor der Abreise stapelten sich im Keller der Schule Kartoffeln, Haferflocken, Trockenmilch, Erbsen, Bohnen, Gries, Zucker, Salz und manches anderes. Doch wer sollte das alles verarbeiten? Zwei Mütter erklärten sich bereit, uns auf der Reise zu begleiten und auf der Jahnhütte zu kochen. Den Service der heutigen Jugendherbergen gab es damals noch nicht wieder. Nebenbei gesagt: Auch Kochtöpfe, Schöpfkellen, Besen, Eimer usw. mussten wir mitbringen.

Dann war es endlich soweit. Es war der 12. Juni 1948, ein Samstag. Bis zum 26. Juni wollten wir unterwegs sein. Warum wir schon am 23. Juni unsere Reise vorzeitig abbrechen mussten, werde ich später berichten. Unsere Eltern brachten uns schon vor 7 Uhr zum Treffpunkt vor der Schule. Jeder hatte seinen Koffer oder Rucksack dabei. Aber bevor wir in den Bus einsteigen konnten, mussten wir erst einmal unsere Lebensmittel aus dem Keller holen. Der Busfahrer guckte höchst bedenklich, als er sah, was wir alles mitnehmen wollten. Doch schließlich saßen 36 Schüler, die beiden Mütter und der Lehrer mit Frau und 2 Kindern im Bus. Eine letzte Umarmung mit unseren Eltern, und ab ging es! Schon die Busfahrt war für viele ein aufregendes Erlebnis. Ein Klassenkamerad schrieb damals in die Klassenchronik: Als unser Autobus mühsam eine Höhe erklommen hatte, schoss er auf der anderen Seite mit aufheulendem Motor wieder hinunter, so dass es einem im Bauch kitzelte. Heute würde man ihm diese Aussage nicht mehr als ernst gemeint abnehmen. Für die Strecke von 210 km brauchten wir immerhin eine Fahrtzeit von 6 Stunden, das ist eine maximale Geschwindigkeit von 40 km/h. Unterwegs erfuhren wir, dass der Bus uns nicht bis direkt zur Jahnhütte bringen kann, weil es nur einen nicht befestigten Waldweg dorthin gibt. Aber der Herbergsvater würde uns mit einem Pferdewagen abholen. Am Ziel angekommen, erlebten wir jedoch eine Enttäuschung: Der Pferdewagen kam nicht, und wir mussten unser schweres 14-Tage-Gepäck zu Fuß den Berg hinauf schleppen. Damit nicht genug – wir konnten uns kaum ausruhen und mussten den Weg noch ein zweites Mal machen. Schließlich wollten wir ja nicht auf unsere Lebensmittel verzichten. Unsere erste Bergerfahrung löste deshalb nicht bei allen Freude aus; aber im Laufe der nächsten Tage lernten wir den Süntel mit seinen Höhen und Tälern, den Wäldern, Steinbrüchen und wunderbaren Ausblicken sehr zu schätzen. Die Jahnhütte sollte nun für 14 Tage unser Quartier werden. Für die Schüler gab es im Obergeschoß zwei Schlafräume, einen mit 24 Betten, den anderen mit 12 Betten. Bettzeug hatten wir mitgebracht, die Betten mussten wir natürlich selber machen. Zudem gab es einen wechselnden Stubendienst, der für die Sauberkeit in den Schlafräumen verantwortlich war. Die Lehrerfamilie und die Mütter hatten eigene Zimmer.



Im Erdgeschoß befanden sich der Tagesraum und die Küche. Im Tagesraum nahmen wir die Mahlzeiten ein, oft auch vor dem Haus auf der Veranda. Zudem durften wir den Tagesraum benutzen, um das Tagebuch und die Post für zuhause zu schreiben. Öfter veranstalteten wir einen Bunten Abend mit Gesellschaftsspielen, vielen Liedern und Geschichten, die uns unser Lehrer vorlas. In der Küche walteten die beiden Mütter, Frau Göttsche und Frau Schmidt. Sie wurden vom Küchendienst unterstützt. Neben den beiden erwähnten Diensten gab es einen Botendienst. Der Botendienst erledigte die notwendigen Einkäufe in Welliehausen und Unsen, den beiden Dörfern am Fuß des Süntels. Milch, Butter und Brot mussten täglich eingekauft werden. Dafür hatten wir ja unsere Lebensmittelkarten abgeben müssen. Die Einkäufe erforderten aber immer eine Vorbestellung. Welch eine Enttäuschung, als der Botendienst einmal vergessen hatte, die Milch für den nächsten Tag zu bestellen. Der Botendienst musste unverrichteter Dinge wieder umkehren.

Vielleicht ist es dem einen oder anderen aufgefallen, dass ich beim Aufzählen der Räume keine Waschräume erwähnt habe. Das ist kein Versäumnis – es gab keine Waschgelegenheit im Haus. Jeden Morgen ging es im Dauerlauf zu der kalten, aber erfrischenden Quelle, die unweit der Jahnhütte entsprang. Auf dem Rückweg musste der Küchendienst das Wasser mitbringen, das in der Küche benötigt wurde.



Wir hatten auf der Jahnhütte viel Freizeit, die unterschiedlich genutzt wurde. Die einen spielten Fußball oder Tischtennis, die anderen durchstreiften die Wälder oder spielten im Steinbruch. Und dann war da noch das Fußballspiel des HSV gegen FC St. Pauli in Hamburg! Mehrere Klassenkameraden wollten am Sonntag unbedingt die Radioübertragung hören. Doch was tun, wenn man kein Radio hat? Ein Schüler hatte vorgesorgt. Er hatte einen selbst gebastelten Detektorapparat mitgebracht. Die Antenne wurde in den höchsten Baum gehängt, die Erde gelegt und dann – nur ein Knacken und Rauschen. Kein Sender war zu erreichen, auch nach stundenlangem Bemühen nicht. Welch eine Enttäuschung! Erst einige Tage später erfuhren die Fußballfans, dass der HSV 6 : 1 gewonnen hatte und damit „Zonenmeister“ wurde. Der erste gemeinsame Ausflug führte uns zum Süntelturm, der uns eine wunderbare Aussicht bot, nachdem wir die 95 Stufen erklommen hatten. Wir waren in der „Eulenflucht“ und an der Quelle „Hamel-Springe“. Interessant waren für uns auch die Steinbrüche. Wir erfuhren, wie Sandstein gebrochen wird und dass der Sandstein aus dem Süntel in vielen Kirchen und Häusern der Umgebung verbaut wurde. Auch der Süntelturm, der sich übrigens auf der Hohen Egge befindet, der höchsten Erhebung des Süntels (440 m über NN), besteht aus Sandstein.

Was unsere Klassenreise aber zu einem einmaligen Ereignis machte, war die Währungsreform. Schon vor unserer Klassenreise wurde viel über eine mögliche Währungsreform gemunkelt. Die Gerüchte verdichteten sich schließlich überwiegend zu der Annahme, dass es wohl im August so weit sein könnte. Wie eine Bombe schlug daher am Freitagabend die Nachricht ein, dass die Reform schon am kommenden Montag, dem 21. Juni 1948, sein würde. Wir lagen schon im Bett, als zunächst ein Mitschüler und dann unser Lehrer mit dieser Nachricht hereinplatzten. Die Folgen für uns waren schnell erklärt: Unser Geld ist nichts mehr wert, und wir können nichts mehr einkaufen. Und wie es mit unserer Rückreise wird, ist völlig ungewiss, denn die Währungsreform hat auch Folgen für das Busunternehmen. Natürlich hatte unser Lehrer für uns beruhigende Worte. Aber die Anspannung und die Aufregung waren unübersehbar.

Eigentlich hörte sich zunächst alles ganz einfach an: Jeder Bürger erhält 40 DM, muss dafür nur 40 RM abgeben. Zwei Monate später sollte es noch einmal 20 DM geben. Wir wurden also angewiesen, unser sämtliches Geld abzuliefern, um es beim Bürgermeister in Welliehausen umzutauschen. Drei Schüler begleiteten den Lehrer auf dem Weg zum Umtausch. Es waren die mit der besten Schrift, denn für jeden Schüler musste ein Formular ausgefüllt werden. In Welliehausen angekommen, stellte sich dann aber heraus, dass der Bürgermeister nicht genügend Formulare hatte. Der Herausforderung, das Musterformular über vierzigmal abzuschreiben, waren die drei Schüler jedoch nicht gewachsen. Also ging es zurück zur Jahnhütte, und alle Schüler bekamen nun das Formular diktiert. Noch zweimal ging unser Lehrer an diesem Tag zum Bürgermeister. Am Sonntagabend stand fest: Wir bekommen kein Geld – Geld gibt es nur dort, wo man amtlich gemeldet ist. Unser Lehrer telegrafierte nach Hamburg, dass wir nur noch bis Mittwoch Lebensmittel hätten – man solle uns so schnell wie möglich abholen.



Doch ganz aufgegeben hatte unser Lehrer die Hoffnung noch nicht. Am Montagmorgen machte sich die ganze Klasse auf den Weg in das 12 Kilometer entfernte Hameln – natürlich zu Fuß. Während wir die Stadt besichtigten, verhandelte unser Lehrer mit dem Landratsamt. Vergeblich. Eine beruhigende Nachricht erreichte uns dann aber am Nachmittag aus Hamburg: Der Bus würde uns am Mittwoch abholen.

So aufregend und schwierig diese Tage auch waren, eine Besonderheit muss unbedingt erwähnt werden: Ein Dorfbewohner zeigte großes Mitgefühl, als er von unserer Not hörte. Spontan lieh er uns 39 DM von den 40 DM, die er soeben erhalten hatte. Wir konnten uns so noch 12 Pfund Butter kaufen. Die Rückreise nach Hamburg verlief dann reibungslos. Wir waren alle gespannt, wie unsere Eltern reagieren würden, wenn wir plötzlich vor der Haustür stünden. Die Zeit reichte ja nicht, unsere vorzeitige Rückkehr anzukündigen. Aber denkste! Als wir in Hamburg ankamen, standen alle Eltern vor der Schule und erwarteten uns. Die Schulbehörde hatte die Information ohne unser Wissen veranlasst!

(2012, Erinnerungen von Harald Oelker)