Süntel-Literatur
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Schöne Heimat Weserbergland

Fritz Seifert

1962

Zwischen Hessisch Oldendorf und Hameln dehnt sich in nordwestlicher Richtung der breite Gebirgsstock des Süntels aus. Es ist nicht vorstellbar, daß ein Freund des Weserberglandes dieses interessante und schöne Waldgebirge nicht erwandert. Die Eingänge sind von der Weserseite aus überaus verlockend und belohnen jeden Versuch. Bereits von Hameln aus lassen sich Wanderwege über den stadteigenen Schweineberg finden, der mit seiner weitreichenden berühmten Schneeglöckchen-Blütenpracht für jeden Hamelner den Frühling unwiderruflich verkündet. Diese Wege führen über Unsen oder Welliehausen zum Süntelkammweg. Von unserer südwestlichen Steilseite aus hat der Anstieg den Charakter einer leichten Gebirgswanderung. Auch oben auf den Wegen um oder durch die Steinbrüche an der Jahnhütte oder am Süntelturm (437 m) wird dieser Eindruck keineswegs abgeschwächt. Stille, kurze Bachtäler führen von Haddessen und Bensen aus um hohe Vorberge in den großen Buchenwald hinein und zwingen am Ende zu abwechslungsreichen Aufstiegen.

Den wohl schönsten Eingang in den Süntel bildet das Blutbachtal, das über Krückeberg - Zersen - Pappmühle am besten erreicht wird. Dem Wanderer öffnet sich ein Waldtal, das sich so reich und vollkommen im deutschen Mittelgebirge nicht oft zeigt.

Die Farbigkeit der alten Landschaftsbilder und auch die zauberhaften Klänge unserer Volkslieder birgt dieses Tal. Da ist zuerst die alte Mühle in den Wiesen, dann der klare, zur Weser eilende Bach, die in ihren Formen raumbildenden Waldhänge und schließlich die wilde Felslandschaft des Hohensteins. An der einen Seite des Weges steht die dunkle Fichtenreihe vor dem grünen Buchenwald, auf der anderen Wegseite liegen die welligen Bergwiesen am talwärtspurzelnden Bach.

Das Blutbachtal erinnert wie das von ihm abzweigende Totental, das auf die Waldhochfläche des Dachtelfeldes führt, an die Kämpfe, die hier zwischen dem Heer Karls des Großen und den Sachsen im Jahre 782 stattgefunden haben sollen. Diese Überfallskämpfe der Sachsen vernichteten das Aufgebot Karls des Großen, sollen aber auch die Ursache für das darauf folgende Blutbad zu Verden gewesen sein, wo Karl der Große 4500 Sachsen hinrichten ließ. Nach Einhard, dem Geschichtsschreiber Karls des Großen, soll sich damals das Sachsenlager am Nordhange des Süntels befunden haben.

Wer nicht den Süntelkammweg benützt, der sich vom Süntelturm oberhalb Welliehausen bis zur Porta in einer Länge von etwa 37 Kilometern erstreckt, kann sich aus dem Blutbachtal heraus das an Schönheit nicht zu übertreffende Gebiet des Süntelgebirges bequem erschließen.

Der vorspringende, steil ins Tal abfallende Felsstock des Hohensteins bietet von den einzelnen Felsenhöhen aus überwältigende Aussichten und in den zerklüfteten Felsen mancherlei Möglichkeiten für Kletterübungen (eine Alpenvereinshütte liegt am Fuße neben der Pappmühle). An den Felsen wachsen seltene dunkle Eiben.

Das Totental wird eingefaßt von den Felswänden des Ramsnacken und der Südwehe, die oben im Frühling die herrlichen Teppiche der blaulilablühenden Leberblümchen tragen. Wo der Wind im Frühjahr den Hang am stärksten trifft, steht zur gleichen frühen Jahreszeit, versprengt und oftmals im Versteck, das blühende Gesträuch des Seidelbastes. Wer das buchenbestandene Dachtefeld überschreitet, sollte den schattigen Weg zur großen Süntelbuche gehen, die mit ihrem knorrigen Stamm und verkrümmtem Geäst am Rande des Waldes beim Dorfe Raden steht. Dieser seltene Baum, in dessen Keim schon die bizarren Formen vorgebildet sind, vermittelt ein merkwürdiges Baumerlebnis. Die Krone des Einzelgängers wird im Durchschnitt auf ca. 20 m , der Stammumfang auf über 5 m geschätzt. In Jahrhunderten hat sich dieser Baum seinen Platz wie einen alten geheiligten Raum geschaffen und behauptet.

Von Hess.-Oldendorf aus läßt sich der Schneegrund besuchen, ein weiteres idyllisches Bachtal, das in Rohden unterlab des Passes abzweigt und zum Kammweg und in das Hohensteingebiet hinüberführt.